Achtsam leben

Achtsamkeit





Eine japanische Legende berichtet von einem stolzen Samurai, der einst einen Mönch aufforderte, ihm Himmel und Hölle zu erklären. Der angesprochene Mönch erwiderte: „Du bist nichts als ein Flegel. Mit Leuten wie dir vergeude ich nicht meine Zeit.“ Erbost zog der gekränkte Samurai sein Schwert, um den frechen Mönch zu enthaupten. „Das“, sagte der Mönch ruhig, „ist die Hölle“. Verblüfft ob der tiefen Erkenntnis über die Wut, die ihn soeben übermannt hatte, steckte der Samurai sein Schwert in die Scheide und dankte dem Mönch mit einer Verbeugung für die Einsicht. „Und das“, sagt der Mönch daraufhin, „ist der Himmel“.

In dieser Episode wird der Kern dessen deutlich, was wir unter „Achtsamkeit“ verstehen. Es geht dabei um das Gewahrwerden des eigenen Da-Seins im gegenwärtigen Moment. Dazu zählen die Sinne, der Körper, die Gefühle und Gedanken, aber auch das Eingebundensein in unsere soziale und ökologische Lebenswelt. Erreicht werden kann dieses Gewahrsein, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst richten. Unser gegenwärtiges Da-Sein wird so zum Gegenstand unserer Wahrnehmung. In der Geschichte spürt der beleidigte Samurai seine momentane Wut und die damit verbundene Körperspannung. Und er nimmt bewusst seine Gefühle, Gedanken und seine aggressive Reaktion wahr. Er, der bislang nicht anders konnte, als seine verletzte Ehre mit einem erbarmungslosen Gegenangriff zu verteidigen, wird sich seiner Abhängigkeit von diesem gewohnten und oft destruktiven Reaktionsmuster bewusst und kann nun freier entscheiden, wie er agieren möchte. 

Die Haltung des Meisters ermöglicht diese Befreiung, indem dieser nicht auf die Bedrohung reagiert. Der Meister zieht sich weder zurück, noch verteidigt er sich, sondern er bezeugt und gestaltet diese für ihn potenziell tödliche Situation mit aufmerksam gelassener Gegenwärtigkeit, liebevoller Zuwendung und Humor.

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